IM GESPRÄCH: TABARE VAZQUEZ

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"Wir können vieles ausprobieren"

Binnen weniger Monate sind Sie zum zweiten Mal in Europa - was führt den Präsidenten von Uruguay in diesen Tagen nach Berlin anstatt nach Washington oder vielleicht nach Peking oder Moskau?

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Uruguay gehören für uns zu den längsten - sie bestehen seit 160 Jahren - und den wichtigsten. Uns verbindet der Respekt vor Werten wie Freiheit und Demokratie, der Einsatz für das friedliche Zusammenleben der Völker wie der Gleichheit der Geschlechter, aber auch der Kampf gegen Privilegien und Exklusion. Außerdem ist Deutschland ist einer unserer wichtigsten Handelspartner.

Sie sind der erste lateinamerikanische Präsident, der Europa nach der Amtseinführung von Donald Trump besucht. Was denkt man über ihn in Ihrer Region?

In Uruguay gibt es keine Sympathie für diejenigen, die Mauern bauen anstatt Brücken. Uruguay ist, wie die Vereinigten Staaten, ein Einwanderungsland. Das prägt unsere politische Kultur bis heute. In Uruguay ist - nach einem geflügelten Wort, das im 19. Jahrhundert geprägt wurde - noch heute „nadie es más que nadie“. Einiges, was sich derzeit in den Vereinigten Staaten abspielt, ist nicht auf dieser Linie.

Mit seiner demagogischen Sprache, seinen Tiraden gegen Andersdenkende und seiner Verachtung von Institutionen ähnelt Trump mehr dem verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez als jedem amerikanischen Präsidenten vor ihm. Fast könnte man sagen, Trump steht mit seinem Populismus in bester (oder schlechtester) lateinamerikanischer Tradition.

In Uruguay ist Populismus bis heute ein Fremdwort, das gilt für Links- wie Rechtspopulismus. In allen Vergleichen hinsichtlich guter Regierungsführung, Herrschaft des Rechts oder Korruption sind seit langem unter den am besten Ländern weltweit zu finden.

Was bedeuten Trump und sein Mantra „Make America great again“ für die Beziehungen mit den Staaten Mittel- und Südamerikas? Rechnen Sie mit einer neuen Ära des Protektionismus?

Was Trump will, ist das Gegenteil dessen, wofür die Vereinigten Staaten lange gestanden haben und wir als Land und als „linkes“ Regierungsbündnis nach wie vor stehen. Wir sind davon überzeugt, dass freier Handel allen zum Vorteil gereicht und dass Verträge einzuhalten und zu erfüllen sind. Wenn die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt angesichts der Globalisierung einen anderen Weg einschlägt und glaubt sich isolieren zu können, ist das in höchstem Maß besorgniserregend.

Auch in Europa nehmen die Stimmen zu, die nur die Schattenseiten der Globalisierung sehen und einer stärkeren Abschottung das Wort reden. Hoffen Sie noch immer auf einen Freihandelsvertrag zwischen der EU und dem Wirtschaftsbündnis Mercosur?

Jetzt erst recht. Vielleicht kommt ja auch deswegen endlich Schwung in die Verhandlungen über den Freihandelsvertrag zwischen der EU und dem Wirtschaftsbündnis Mercosur, weil sich auch die Europäer nach mehr verlässlichen Partnern umsehen müssen.

Der Mercosur ist in den vergangenen Jahren aber nicht nur international nicht vorangekommen. Auch die internen Schwierigkeiten sind durch die Aufnahme Venezuelas, die Rezession und den Korruptionsskandal in Brasilien und die politischen und ökonomischen Hinterlassenschaften der Ära Kirchner eher größer als kleiner geworden. Welche Partner hat Uruguay in der Region wirklich?

Gerade als kleines Land glauben wir, dass es mehr und nicht weniger Mercosur geben muss. Wir brauchen mehr regionale Integration, und nicht weniger. Allerdings muss jede Form der Integration auch offen sein für andere Partnerschaften. Es ist völlig klar, dass es innerhalb des Mercosur gewaltige Asymmetrien gibt. Brasilien ist eine riesige Volkswirtschaft, Argentinien hat vier Mal mehr Bürger als Uruguay und Paraguay zusammen. Das führt immer wieder dazu, dass die Großen die Kleinen fast erdrücken. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der Mercosur es uns erlaubt hat, mit Mexiko im Jahr 2003 einen Freihandelsvertrag abzuschließen. Das könnte ein Modell für einen „offenen Regionalismus“ sein.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist China auch in Lateinamerika zu einem wichtigen, wenn nicht dem wichtigsten Handelspartner geworden. Wird die Abhängigkeit von Peking womöglich jetzt noch größer?

Es stimmt, dass China unser wichtigster Handelspartner ist. Aber die Rolle des Landes ändert sich. Peking kauft nicht mehr nur Rohstoffe, sondern öffnet seine Märkte. Wir tragen uns mit der Idee, mit Peking ein Freihandelsabkommen abzuschließen und mehr Produkte zu exportieren, deren Wertschöpfung schon bei uns beginnt. Schon jetzt kauft China in Uruguay erhebliche Mengen an Rindfleisch, und zwar beste Qualität. Wir garantieren diese Qualität durch die Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Stückes Fleisch bis auf die Weide. Außerdem verwenden wir in der Viehzucht weder Hormone noch Antibiotika. Das wird uns auch auf dem japanischen Markt Vorteile verschaffen, den wir gerade erschließen.

Wie wollen Sie die Abhängigkeit Uruguays wie des gesamten Cono Sur, der je noch immer überwiegend Rohstoffe exportiert, vom Weltmarkt reduzieren?

Etwa, indem wir den Weg der Wertschöpfung durch Rückverfolgbarkeit auch bei anderen Produkten gehen, etwa bei Wein, Obst oder Fisch, aber auch bei Wolle oder Holz. Dazu braucht es Forschungs und Entwicklungskapazitäten bei uns, aber auch Kooperationen mit anderen Ländern. In Finnland wird es in dieser Woche um die Erfahrungen in der Holzverarbeitung gehen. Wir wollen mehr als die Welt nur mit Zellulose oder Holzchips zu beliefern: Klasse statt Masse.

Uruguay mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern und einer vergleichsweise kleinen Wirtschaft – so heißt es - sei kein „Modell“, aber ein „Laboratorium“ für Demokratie, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft in Lateinamerika.

Ein kleines Land zu sein muss nicht immer von Nachteil sein. Bei dreieinhalb Millionen Einwohnern können wir vieles ausprobieren auch wenn wir dabei erst einmal schräg angeschaut werden. So haben wir nicht nur das Internet schnell ausgebaut und alle Kinder mit einem einfachen Laptop ausgestattet, sondern auch allen Alten einen Tablet-PC geschenkt. Die Effekte im Zusammenleben der Familien sind verblüffend. Das Fernsehen, das vor einigen Jahren noch rund um die Uhr lief, spielt keine Rolle mehr.

Stattdessen bringen die Enkel erst ihren Großeltern bei, wie man die Computer und Smartphones bedient, dann kommunizieren sie so intensiv wie nie zuvor miteinander in Familien- und anderen Gruppen im Netz. Eine neue Form der Kommunikation, die die Alten aus ihrer Einsamkeit herausholt und Solidarität zwischen den Generationen stiftet. Uruguay hat schon viele solcher Ideen gehabt, etwa auch im Kampf gegen den Tabak und die dadurch verursachten Krankheiten, und wir werden noch viele haben.

Von Daniel Deckers - Frankfurter Allgemeine.