CANNABIS IN URUGUAY

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„Wir wollen nicht das Holland Südamerikas werden“

Von Daniel Deckers

Drastische Warnhinweise, keine Tabakwerbung, kein öffentliches Rauchen: Uruguay ist für strikte Rauchergesetze berüchtigt. Mit Cannabis pflegt das Land einen liberaleren Umgang. Doch ein Mekka für Kiffer ist es noch lange nicht.

Montevideo, Juli. Der „Frente Amplio“ versteht keinen Spaß. Jedenfalls nicht, wenn es um Alkohol und Tabak geht. In den elf Jahren, in denen die „Breite Front“ in dem Zwei-Kammer-Parlament Uruguays über die absolute Mehrheit verfügt, hat das linke, aus mehr als vierzig Parteien und Gruppen bestehende Bündnis nicht nur die Promillegrenze für Alkohol im Straßenverkehr von 0,8 über 0,3 auf mittlerweile 0,0 gesenkt.

Auch die Vorschriften für (oder besser: gegen) Tabakwerbung sind derartig prohibitiv, dass der Philip-Morris Konzern („Marlboro“) das Land vor dem „Internationalen Zentrum für die Beilegung von Investitionsentscheidungen“ (ICSID) der Weltbank im Jahr 2010 wegen Geschäftsschädigung auf Schadenersatz verklagt hat. Eines der Argumente: Die ekelerregenden Bilder, mit denen in Uruguay auf Zigarettenschachteln vor den Gefahren des Rauchens gewarnt werden müsse, dienten nicht der Warnung, sondern der Abschreckung.

Juan A. Roballo, der Vorsitzende des „Nationalen Drogenrates“ des in vielerlei Hinsicht kleinsten Landes Südamerikas, ficht dieser Vorwurf nicht an. Im Gegenteil. Im Gespräch mit dieser Zeitung zeigt sich der Mittvierziger stolz darauf, dass es der „Frente“ gelungen sei, mit einer ganzen Serie von Maßnahmen den Anteil der Raucher an der uruguayischen Bevölkerung innerhalb von nur zehn Jahren drastisch zu verringern. In der Tat sprechen die Statistiken des Gesundheitsministeriums eine eindeutige Sprache. Der Anteil der Raucher an der Gesamtbevölkerung ist in Uruguay seit dem Jahr 2005 von 35 auf nunmehr 22 Prozent zurückgegangen.

Uruguay ist Vorreiter in vielen Bereichen

Noch bemerkenswerter ist der Schwund der Raucher unter den Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Rauchte vor zehn Jahren noch mehr als jeder fünfte Jugendliche (22,4 Prozent), ist es heute nicht einmal mehr einer von zehn (8,4 Prozent). Kein Wunder, denn das Rauchen in Restaurants und anderen öffentlichen geschlossenen Räumen ist in Uruguay ausnahmslos verboten, die Tabaksteuern sind prohibitiv und Werbung sowie Verkauf stark eingeschränkt. Und wer will schon Zigarrettenschachteln in der Hand halten, in denen von Krebs zerfressene Lippen oder Patienten auf Intensivstationen zu sehen sind?

„Uruguay war auf vielen Politikfeldern immer seiner Zeit voraus“, erläutert Roballo und verweist auf die vor genau hundert Jahren vollzogene Trennung von Staat und Kirche, auf das kostenlose staatliche Schulwesen und eine traditionsreiche Sozialgesetzgebung. Seit dem Amtsantritt des ersten „Frente Amplio“-Präsidenten, des Onkologen Tabaré Vázquez am 1. März 2005, steht auch das Recht auf Gesundheit auf der Agenda, beteuert Roballo – jedenfalls insoweit, als es ein Abwehrrecht gegenüber Gesundheitsgefahren ist, die von Dritten ausgehen.

Vázquez’ Nachfolger José „Pepe“ Mujica, einem vormaligen Stadtguerrillero („Tupamaro“), ging das nicht weit genug. In der vergangenen, 2014 zu Ende gegangenen Legislaturperiode beschloss das Parlament, dass der Gebrauch von Cannabis staatlich reguliert werden solle. „Gras“-Samen für den Garten mit staatlichem Gütesiegel, im Vereinsregister eingetragene Kifferclubs, wahlweise der Gang in die nächste Apotheke, wenn das Wasser in der Thermoskanne für den Aufguss des Mate-Tees nur noch lauwarm ist und Abwechslung her muss? So ist es, beziehungsweise soll es werden. Doch ein Kifferparadies wie immer mehr amerikanische Bundesstaaten ist Uruguay deswegen noch lange nicht – und wird es nach dem Willen der seit 2014 wieder von Tabaré Vázquez geführten Mitte-links-Regierung auch nie werden. „Wir machen keine Werbung für das Kiffen“, beteuert Roballo.

Articulo Frankfurter Allgemeine.