URUGUAYS JOSÉ MUJICA: Der ärmste Präsident der Welt tritt ab

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Fünf Jahre war der frühere Guerilla-Kämpfer José Mujica Präsident Uruguays. Jetzt ist seine Amtszeit vorüber - eine Zeit, die ihm zu weltweitem Ruhm verholfen hat.

José Mujica ist Präsident von Uruguay, seit beinahe fünf Jahren regiert er jetzt das kleine Land in Südamerika. Am 30. November wählt Uruguay in einer Stichwahl seinen Nachfolger. Auf ein schickes Haus hat Mujica stets verzichtet, stattdessen lebt er mit seiner Frau auf einer alten Blumenfarm außerhalb von Montevideo.

Ein ehemaliger Guerilla-Kämpfer und "Feind des Systems" steht neben einer Garde von Soldaten und nimmt dem künftigen Präsidenten den Amtseid ab. Es war wohl dieser Moment im Februar 2005, der Uruguay am meisten verändert hat in den vergangenen zehn Jahren.

José Mujica, der in den Sechzigerjahren Mitglied der Stadtguerilla Tupamaros war und der während der Militärdiktatur (1972-1985) im Gefängnis saß, führte seinen Parteikollegen Tabaré Vazquez ins Amt des Präsidenten ein. Hier standen die Militärs, die dem kleinen Land so viel Leid zugefügt hatten, und dort derjenige, der zum Gesicht des bewaffneten Widerstandes geworden war. Dieser Moment war Vergangenheit und Zukunft zugleich, und vielleicht der Beginn einer Versöhnung für viele Uruguayer.

"Es gab eine Zeit, da mussten wir Waffen tragen, und als die Diktatur zu Ende war, haben wir uns eingegliedert", sagt Mujicas Frau Lucía Topolansky heute über ihre Vergangenheit und die ihres Mannes. Fünf Jahre nach der Amtseinführung von Vazquez wurde Mujica selbst Präsident, und so schlicht und doch bewegend wie der Satz seiner Frau, so schlicht und bewegend war die Präsidentschaft Mujicas, die jetzt zu Ende geht. Am Sonntag ist die Stichwahl zwischen seinem Parteikollegen und Vorgänger Vazquez und dessen konservativem Kontrahenten Luis Lacalle Pou.

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Vor allem hat Uruguay, eines der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas, weltweit so viel Aufmerksamkeit bekommen wie sonst nie (mal abgesehen von dem beißenden Fußballer Suárez): Die Legalisierung von Abtreibungen, Homo-Ehe und vor allem von Marihuana haben die Weltpresse auf das kleine Land am Rio de la Plata, eingezwängt zwischen Argentinien und Brasilien, aufmerksam gemacht.

- Land des Jahres 2013 -

Weniger Aufmerksamkeit bekamen andere politische Erfolge: Die Energieerzeugung aus regenerativen Quellen ist immens gestiegen; in keinem Land der Region sind so viele Haushalte an Glasfasernetze angeschlossen; und die Landwirtschaft ist in der Lage, 28 Millionen Menschen zu ernähren.

Mujica kündigte zudem an, sechs Gefangene des US-Lagers in Guantanamo aufnehmen zu wollen - wann und ob das wirklich geschieht, hängt wohl von der kommenden Regierung ab.

Der "Economist" hat Uruguay zum Land des Jahres 2013 gekürt. Bescheiden und doch kühn, liberal und spaßliebend - so regierte Mujica. Seit fast 30 Jahren lebt er mit seiner Frau in einem kleinen, sehr einfachen Landhaus nahe der Hauptstadt Montevideo. Er blieb dort wohnen, als er Senator wurde, später Minister und dann Präsident. Die einzigen Sicherheitsvorkehrungen sind zwei Polizisten an der Straße und die humpelnde Hündin Manuela. Seine Frau, Senatorin der Frente Amplio, zeigt Journalisten bereitwillig das bescheidene Heim, entschuldigt sich für die Unordnung.

Auf die Aufmerksamkeit, die Mujica mit seinem unpräsidentialen Lebensstil erregte, antwortet er gewohnt schlicht: "Ich lebe wie die meisten Menschen in diesem Land." Und: "Es ist gut, so zu leben, wie man denkt. Anstatt darüber nachzudenken, wie man lebt." Und überhaupt sei es ja völlig daneben, jetzt noch umzuziehen.

- Gescheiterte Bildungsreform -

Den Weg für Mujicas Zeit als Präsident hat sein Vorgänger Vazquez bereitet: Er hat das Land aus der Krise geführt, dem Kontinent und der Welt gezeigt, dass lateinamerikanische Linke nicht so irre wie Hugo Chavez sein müssen und dass es so etwas gibt wie Kompromisse.

Nach Vazquez war es für die Uruguayer nicht schwer, Pepe zum Präsidenten zu machen. Sie kannten ihn ja schon, seine symbolische Bedeutung für die Linke und seinen Lebensstil. Das erwähnte Häuschen, der hellblaue VW Käfer, seine beigen Strickjacken und seine schlichte, aber kluge Sprache haben ihm weltweit Sympathie gebracht. So viel, dass Oppositionelle neidisch scheinen: "Der darf alles", sagte Ex-Präsident Julio María Sanguinetti von der Partei Colorados, nachdem Mujica die Funktionäre der Fifa "einen Haufen Hurensöhne" genannt hatte.

Doch Mujicas Amtszeit war nicht nur erfolgreich: Die Bildungsreform, die Uruguay so dringend braucht, hat er nicht umsetzen können. Und das, obwohl er diese in seiner Antrittsrede als sein oberstes Ziel formuliert hatte: "Bildung, Bildung, Bildung, Bildung. Und noch einmal Bildung." Die Schuld für die gescheiterten Reformen wird den Lehrergewerkschaften zugeschrieben - Mujica hat sie offenbar nicht überzeugen können. Er habe es nicht geschafft, die "hohe Abbrecherquote an weiterführenden Schulen umzudrehen", räumt er ein.

Vielleicht ist es genau richtig, wenn jetzt, nachdem Uruguay weltweit Fans gefunden hat, wieder der kühle und überlegte Arzt Vazquez das Präsidentenamt übernimmt. Laut Umfragen liegt er vorne und dürfte die Stichwahl am Sonntag gewinnen. Und El Pepe kann sich seinem Garten widmen.

Mujica fährt einen alten VW Käfer, den er hin und wieder auch für Dienstreisen nutzt.

Mujica legt Wert auf ein einfaches Leben. 90 Prozent seines Gehalts spendet er, bei Staatsbesuchen lehnt er das Tragen von Krawatten ab, und sein Grundstück bewachen keine Bodyguards, sondern seine Hündin Manuela.

Als Barack Obama Mujica im Mai im Weißen Haus empfing, lobte er den krawattenlosen Gast aus Südamerika für seine "außerordentliche Glaubwürdigkeit in Bezug auf Menschenrechte und Demokratie". Mujica sei ein "Anführer der ganzen westlichen Hemisphäre", fügte der US-Präsident hinzu. 

Große internationale Beachtung fand ein im vergangenen Jahr verabschiedetes Cannabis-Gesetz, das Uruguay zum ersten Land machte, in dem ein staatlich überwachter Marihuana-Anbau und –handel erlaubt ist. Mit der kontrollierten Abgabe von Marihuana wolle er den illegalen Drogenhandel unprofitabel machen, sagte Mujica damals. Dafür wurde er in diesem Jahr sogar für den Friedensnobelpreis nominiert.

Seine Kritiker halten Mujicas Führungsstil mittlerweile für abgenutzt, manche sprechen sogar von einem chaotischen Regiment. Es sei nicht seine Stärke gewesen, die Regierung zu führen, schreibt Sergio Israel, Autor einer Mujica-Biografie. Trotzdem habe er die Menschen verstehen und ihre Herzen erreichen können, so Israel über den 79-Jährigen.

Nachdem kürzlich bekannt geworden war, dass ein arabischer Scheich eine Million Dollar für Mujicas betagten VW Käfer geboten hat, verkündete Mujica anschließend, dass er ernsthaft über das Angebot nachdenke. Mit dem Geld könne er wunderbar den sozialen Wohungsbau unterstützen.

Von Frauke Böger